Mai 02 2023

Wie aus einer kahlen Avocadoplantage ein Waldgarten wurde

Von um 16:10 in Permakultur

English: How a barren avocado plantation became a forest garden

Español: Cómo una plantación de aguacates desnuda se convirtió en un jardín forestal

Polski: Jak naga plantacja awokado stała się leśnym ogrodem

Ansicht der Finca von Außen. Davor ein konventioneller Acker.

Ansicht der Finca Leukeña von außen. Davor ein konventioneller Acker.

Pflanzen wachsen fast überall auf der Erde, wenn wir sie wachsen lassen. Auch auf zivilisatorisch (vom Imperium Romanum bis zur EU-Landwirtschaftspolitik) heruntergewirtschafteten Böden können neue grüne, fruchtbare Oasen entstehen – ob in Südeuropa, Deutschland oder sonst wo in der Welt. Wichtig dabei ist, Boden und Wasserhaushalt wieder in Ordnung zu bringen. Dazu braucht es keine teure Technik, sondern sorgfältige Beobachtung und viel Handarbeit.

2015 begann auf einem Teil des in Südspanien gelegenen Areals die Umstellung auf Permakultur. Der größere Teil der jetztigen Gartenfläche kam 2017 dazu, sodass nun etwas mehr als ein halber Hektar umgestellt wird. Zuvor war das Gelände eine reine Avocadoplantage, die konventionell mit Kunstdüngern und Pestiziden bewirtschaftet wurde. Der Boden war von der Sonne steinhart, kahl, fast ohne Bewuchs, mit vielen Steinen. Die Avocadobäume trugen nur wenige Früchte.

Die Umstellung erfolgte nach den Ideen von Bill Mollison und David Holmgren, die weltweit als Väter der Permakultur gelten, sowie von Sepp Holzer, dem Visionär und Experten für natürliche Landwirtschaft und Renaturierung des Bodens.

Mulchen, Mulchen, Mulchen

Avocadobaum mit Mulch drumherum

Avocadobaum mit Mulch drumherum

Zunächst wurde der Boden mit vielen recycelten Pappkartons bedeckt, um eine weitere Austrocknung zu stoppen. Hinzu kamen viele Säcke mit Grünzeug wie Rasen- oder Heckenschnitt, später auch Holzreste. So wurde der Boden vor der starken, die Erde austrocknenden Sonneneinstrahlung geschützt. Das schützt gleichzeitig auch die Würmer und Kleinstlebewesen im Boden vor Sonne, Hitze, Kälte und Wind. Sie können sich dadurch besser vermehren, das organische Material zersetzen und den Boden mit Humus anreichern.

Auch die in der Gegend wild und üppig wachsende Caña (Riesenschilf) wurde kleingeschnitten und der Boden damit bedeckt. Dann folgten etwa 120 Tonnen Avocadoreste aus einer Fabrik für Avocadoverarbeitung, die per LKW angeliefert wurden. Soweit möglich wurden sie vor dem Aufbringen auf den Boden mit Bokashi-Saft (von milchsauer fermentierten Küchenabfällen) behandelt, mit Häcksel und Folie bedeckt und so ebenfalls fermentiert. Auf dieser Basis entstanden neue Humusschichten.

Gründüngung

Gründüngung mit Leguminosen ist eine nachhaltige Möglichkeit, den Boden zu düngen. Es ist ein umweltbewusster Weg, um Lebensmittel biologisch anzubauen und die Bodenfruchtbarkeit langfristig zu erhalten. Anstatt aufwendig produzierten Stickstoff zum Düngen zu kaufen, kann man Gründüngung anwenden, die der Natur zugute kommt, anstatt ihr zu schaden. Unter Gründüngung versteht man das Aussäen geeigneter Pflanzen und das anschließende Einarbeiten der Pflanzen(-teile) in den Boden.

Die Zersetzung des organischen Materials verbessert die Bodenfruchtbarkeit und die Kapazität, Wasser zu speichern. Die Fruchtbäume werden also besser mit Nährstoffen und Wasser versorgt. Die Wurzeln der Gründüngungspflanzen schützen den Boden vor Erosion, lockern ihn auf und durchlüften ihn. Dadurch können sich die Wurzeln der Fruchtbäume leichter ausbreiten.

Leguminosen eignen sich ganz besonders für die Gründüngung. Zu ihnen gehören Pflanzen wie zum Beispiel Klee, Lupinen, Erbsen, Linsen, Bohnen, Soja. Aber auch Bäume und Sträucher gehören zu der Familie der Leguminosen. Zu den bekanntesten gehören zum Beispiel Mimosen, Robinien und Akazien. Leguminosen binden Stickstoff aus der Luft und bringen ihn in den Boden. Dabei helfen ihnen die sogenannten Knöllchenbakterien (Rhizobien), die in Symbiose mit ihren Wurzeln leben. Die Rhizobien wandeln den Stickstoff (N2) in Ammoniak (NH3) um und machen ihn dadurch biologisch verfügbar. Diese Umwandlung schadet der Umwelt nicht, sondern kommt ihr zu Gute. Denn in der konventionellen Landwirtschaft gelangt ein Teil der Stickstoffdüngung ins Grundwasser und führt dadurch zur Nitratbelastung unseres Trinkwassers. Wenn der Stickstoff jedoch als Ammoniak im Humusboden gebunden ist, bleibt er für die Pflanzen längere Zeit verfügbar – insbesondere im Holzkohleanteil von Terra Preta.

Ein solcher Leguminosenbaum ist die immergrüne Weißkopfmimose (Leucaena leucocephala – davon wurde der Name der Finca abgeleitet). Sie mag das warme Klima in Südspanien und wächst dort wild. In der Gegend gesammelte Samen wurden ausgesät und wuchsen zu Bäumen heran. Nach ca 2 Jahren konnten die ersten Äste als Mulchmaterial verwendet werden.

Auf dem Weg zur Terra Preta

Erdkontiki zum Herstellen von Holzkohle aus der dann Terra Preta wird

Erdkontiki zum Herstellen von Holzkohle zum Aufbau von Terra Preta.

Eine Herausforderung waren Unmengen von stacheligen Brombeeren, die der Vorbesitzer mit einem Trimmer zu noch mehr Wachstum anstachelte, denn die Wurzeln der Brombeeren sind nach dem Trimmen im Boden geblieben und trieben wieder aus. Dank der vegetativen Vermehrung der Brombeere durch Ausläufer wurde das Problem also immer schlimmer.

Die getrockneten Brombeerpflanzen, aber auch anderes holziges Material werden in einem ErdKon-tiki zu Pflanzenkohle für Terra Preta verarbeitet. Ein Erdkontiki ist ein trichterförmiges Loch (45 Grad) in der Erde, in dem das Material unter Sauerstoffmangel verschwelt und dann langsam mit Wasser gelöscht wird. (Kon-Tiki Bedienungsanleitung.)

Die so gewonnene Holzkohle wird zerkleinert, etwa in einem Häcksler zusammen mit Caña und Ästen. Der wachsende Haufen wird währenddessen mit einem Wasserstrahl befeuchtet. Abschließend wird Bokashi-Saft darüber gegossen, der Haufen verdichtet und mit Folie bedeckt. Nach drei bis sechs Monaten ist die Holzkohle „aufgeladen“ und das Material kann in den Boden eingebracht werden, zB bei Neupflanzungen. Die Einbeziehung von Holzkohle hat viele positive Wirkungen:

  • Durch die Porosität und große Oberfläche der Holzkohle speichert sie Wasser und Nährstoffe für Pflanzen.
  • Sie bietet Schutzräume für Mikroorganismen und Mykorrhiza und verbessert so das Bodenleben und die Versorgung der Pflanzen.
  • Die Holzkohle selbst besteht zu 80 bis 90 Prozent aus Kohlenstoff, der kaum abgebaut wird und so langfristig im Boden verbleibt. Es handelt sich also um eine Kohlenstoffsenke, die der Klimaerwärmung entgegenwirkt.
  • Und mehr.

In den wenigen Jahren der Umstellung konnte auf der Finca freilich noch keine meterhohe Terra Preta Schicht aufgebaut werden, wie von früheren Kulturen Amazoniens. Doch schon die ersten Schritte auf diesem Weg sind ermutigend …

Mühen und Ergebnisse

Ein Ziel von Permakultur ist der Aufbau nachhaltiger Ökosysteme, die Menschen mit Lebensmitteln versorgen und dabei möglichst wenig menschliche Intervention erfordern. Je nach Ausgangslage kann ein solcher Aufbau aber langwierig und/oder aufwändig sein. So sollen hier die Mühen der Umstellung nicht verschwiegen werden – man denke nur an das Verteilen von insgesamt 200 Tonnen Biomasse auf dem Gelände! Biomasse herbeischaffen, verarbeiten, in den steinigen Boden eingraben, das Aufziehen, Pflanzen, Mulchen, Ernten etc. erfordern viel Engagement, Lernfähigkeit, Körpereinsatz und bisweilen gute Nerven (es ist ja nicht nur eine Person beteiligt und dies ist keine akademische Laborsituation;-). Aber es ist bereits deutlich sichtbar, spürbar (Mikroklima, Barfußgehen) und schmeckbar, dass dieser Weg in eine gute Richtung führt.

Heute ist der Garten voller nahrhafter, gesunder, leckerer Südfrüchte – Avocados, Bananen, Papayas, Mangos, Cherimoyas, Guaven, Maracujas, Wollmispel und weitere. Außer den anfangs vorhandenen etwa 100 Avocadobäumen gibt es mittlerweile weitere Fruchtbäume (Mango, Guave, Cherimoya, Wollmispel), über 30 große („Quadrados“) und über 30 kleine („Canarios“) Bananenstauden, sowie mehr als 30 Papayapflanzen („baumförmiges Kraut“). Außerdem wurde mit dem Anbau von Zuckerrohr, Maniok, Zitronengras, Macadamia, Weintrauben und Gemüse begonnen.

Dazwischen wachsen Leucaenas (s.o.), Senna, Tagasaste, Boldo, Rizinius, Gold-Akazie und andere Schatten und Biomasse spendende Hilfspflanzen (A). Bodendecker wie Kapuzinerkresse, „Jamaika-Thymian“ (B) und Chayote ergänzen die Bepflanzung auf der unteren Etage des Waldgartens. Insgesamt ist der Boden hervorragend geschützt und versorgt – er lebt wieder und macht die Pflanzen produktiv.

Doch nicht „nur“ die Natur bekommt hier einen Lebensraum, der diesen Namen verdient, sondern auch die Menschen, die hier mit der Natur leben und arbeiten. Wenn dieser halbe Hektar im Verhältnis zu den Menschheitsproblemen nichtig erscheint, dann sollte bedacht werden, dass die Menschheit aus vielen Menschen (und Kulturen) besteht, die entsprechend viel Land in verschiedenen Situationen wieder zum Leben bringen können. Ohne konkrete, erprobte Alternativen wird es keinen Ausstieg aus den eskalierenden Katastrophen der Megamaschine, dem kapitalistischen Weltsystem, geben. Und „achja, Südspanien … kein Frost, viel Sonne … da geht sowas vielleicht“ ist kein wirksames Gegenargument – Permakultur geht überall!

(A) Das Sortiment an Hilfspflanzen ist teils der Literatur, teils dem Zufall zu verdanken. Dass manche dieser Arten als „invasiv“ oder „giftig“ bezeichnet werden, heißt nicht, dass im Kontext der Finca eine „Gefahr“ von ihnen ausgeht. Die Aufzählung der Pflanzenarten auf der Finca ist auch unvollständig – es soll noch einen Folgebeitrag zum Thema „Artenvielfalt (Flora und Fauna)“ geben.

(B) „Jamaika-Thymian“ ist nicht mit Thymian verwandt, eher mit Boldo (s.o.). Die Fehlbenennung erfolgte wohl wg. des Geruchs, die genaue Speziesangabe muss noch ermittelt werden.

 

Grüne Hölle :-)

Grüne Hölle von innen 🙂

 

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